Nachhaltigkeit

Modul 1 – Tourismusakzeptanz fördern: Wie starte ich mit einer klaren Strategie?

Die Toolbox zur Tourismusakzeptanz bietet touristischen Akteuren praxisnahe Unterstützung im Umgang mit Herausforderungen an der Schnittstelle zwischen Bevölkerung, Gästen und Tourismus. Sie sensibilisiert unterschiedliche Anspruchsgruppen für den Tourismus, stärkt die Tourismusakzeptanz langfristig und zeigt auf, wie ein konstruktiver Dialog geführt werden kann. In mehreren Modulen stellt die Toolbox Methoden, Kommunikationshilfen, Good-Practice-Beispiele und Umsetzungstools zur Verfügung. Die Inhalte sind anwendungsorientiert, flexibel einsetzbar und eignen sich sowohl zur Prävention als auch für den Umgang mit bestehenden Spannungen oder Konflikten.

Dieses Modul stellt die strategische Herangehensweise an die Tourismusakzeptanz in den Fokus.

Zurück zur Übersichtsseite

Der Tourismus in der Schweiz geniesst nach wie vor ein hohes Ansehen – das bestätigen repräsentative Befragungen zur Tourismusakzeptanz eindrücklich. Die Mehrheit der Bevölkerung steht der Branche positiv gegenüber und erkennt ihren wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Wert. Doch unter der Oberfläche zeigen sich auch sensible Themen, die immer wieder für Diskussionen sorgen: steigende Mieten  und Preise und knapper Wohnraum, zunehmender Verkehr, Belastungen für Natur und Umwelt. Diese Herausforderungen sind oft nicht isoliert, sondern eng miteinander verflochten. Genau hier liegt der Schlüssel und die Verantwortung: Wer Tourismus zukunftsfähig gestalten will, muss diese Wechselwirkungen verstehen, benennen und aktiv angehen. 

Es geht darum, nicht erst zu reagieren, wenn der Konflikt bereits in den Schlagzeilen steht, sondern frühzeitig zuzuhören, hinzusehen und die relevanten Themen gemeinsam mit allen Beteiligten in eine übergeordnete Strategie einzubetten. Denn nur wenn wir die Bedürfnisse der Bevölkerung, die Perspektiven der Wirtschaft und Investor:innen und die Ansprüche der Gäste miteinander verknüpfen, entsteht ein ganzheitliches Bild und damit die Grundlage für tragfähige Lösungen. 

«
Eine erfolgreiche und nachhaltige touristische Entwicklung kann nur im Einklang mit der Lebensqualität der Bevölkerung sowie im Einklang mit den regionalen Werten funktionieren. Für unsere Tourismusstrategie 2025+ haben wir deshalb einen breit abgestützten Strategieprozess durchlaufen, bei dem zahlreiche Akteur:innen aus der Region beteiligt waren, um eine gemeinsame Vision zu entwickeln.
»

Patrick Bauer, Leiter Destinationsentwicklung & Nachhaltigkeit | Gstaad Saanenland Tourismus

Good-Practice-Beispiele

Im ersten Modul zeigen wir anhand von drei inspirierenden Praxisbeispielen aus Zürich, Kopenhagen und Gstaad, wie dieser Weg gelingen kann. Diese lassen sich unabhängig der eigenen Destinationsgrösse und vorhandenen Ressourcen auf jede Destination anpassen und anwenden: 

  • Zürich beweist mit einer breit angelegten Studie, wie ernsthaftes Zuhören zu einem strategischen Kompass für die nächsten Jahre werden kann. 

  • Kopenhagen denkt Tourismus im «All Inclusive»-Sinne – nicht als Service für Gäste, sondern als integralen Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens. 

  • Gstaad lebt vor, wie eine ganze Destination gemeinsam ihre Tourismuszukunft gestaltet, indem sie unterschiedlichste Interessengruppen von Beginn an einbindet. 

Diese Beispiele zeigen: Zukunftsfähiger Tourismus ist kein Zufallsprodukt. Er entsteht, wenn wir uns trauen, komplexe Zusammenhänge zu sehen, unbequeme Fragen zu stellen und gemeinsam mutige Antworten zu finden. 

Zürich: Alle Themen und Sorgen ernst nehmen

Zürcher Altstadt mit der Limmat und dem Grossmünster
Zürich © Zürich Tourismus

Mit der breit angelegten Studie «Tourismus neu denken» hat Zürich Tourismus den Mut bewiesen, wirklich hinzuhören. Statt sich nur auf wirtschaftliche Kennzahlen zu stützen, wurden gezielt auch die Sorgen, Wünsche und Wahrnehmungen der Bevölkerung sowie von Fachleuten aus Verwaltung, Wirtschaft und Tourismus eingeholt – mit ca. 500 Bewohner:innen der Stadt Zürich und 57 vertieften Interviews. Seit 2022 wird diese Bevölkerungsbefragung nun jährlich durchgeführt. 

Dabei stand nicht nur die Frage im Fokus, was der Tourismus bringt, sondern auch, was er verändert – positiv wie negativ. Themen wie Lebensqualität, Wohnraum, Verkehr oder Kulturveränderungen wurden nicht ausgeklammert, sondern gezielt adressiert

Die Erkenntnisse flossen in die Strategie 2030 Zürich Tourismus ein und dienen als Kompass für die Weiterentwicklung der Destination. Das zentrale Learning: Zukunftsfähiger Tourismus beginnt mit echtem Zuhören. 

Die Studie «Tourismus neu denken» ist mehr als eine klassische Analyse – sie ist ein gesellschaftlicher Resonanzraum, in dem Tourismus nicht nur als Wirtschaftsbranche, sondern als Teil des Alltags und Lebensraums betrachtet wird. 

Zürich hat damit bewusst einen Schritt zurück gemacht, um einen Schritt nach vorn zu ermöglichen: Statt sofort Lösungen zu präsentieren, wurde zunächst Raum für Fragen, Zweifel und neue Perspektiven geschaffen. Der Tourismus wurde nicht verteidigt, sondern offen reflektiert – ein Perspektivenwechsel, der das Vertrauen stärkt. 

Gerade in einer Zeit, in der touristische Nutzungskonflikte sichtbarer werden, zeigt dieses Beispiel, wie wichtig es ist, Themen nicht zu werten, sondern ernst zu nehmen – und sie als Chance zur gemeinsamen Veränderung zu sehen. 

Tourismus verändert Orte, prägt Stimmungen und beeinflusst den Alltag der Menschen. Was Zürich gemacht hat, davon können andere Destinationen ebenfalls profitieren – unabhängig vom Budget: Bevor Massnahmen geplant oder Strategien geschrieben werden, braucht es ehrliches Zuhören. 

Die Erfahrung zeigt: Wird die Bevölkerung nicht mitgenommen, besteht die Gefahr für Unsicherheiten, Spannungen oder Widerstände – selbst bei gut gemeinten Projekten. Wer stattdessen von Anfang an offen fragt: «Was bewegt euch?», legt die Basis für tragfähige Lösungen.  

Dabei braucht es nicht nur gross angelegte Studien wie in Zürich, auch kürzere Befragungs- oder Gesprächsformate eignen sich hierfür. Schon kleinere Stichproben können wertvolle Hinweise liefern – entscheidend ist die Haltung des Zuhörens und der Einbezug aller wichtiger Stimmen in die Strategieentwicklung, nicht die Grösse der Studie. 

Ob Grossstadt, Alpendorf oder Seeregion – der respektvolle Umgang mit Sorgen, Ideen und Kritik stärkt nicht nur das Vertrauen, sondern macht Tourismussensibilisierung glaubwürdig und wirksam.  

Zürich Tourismus
Marc Scheurer, Leiter Destinationsentwicklung
Gessnerallee 3, CH-8001 Zürich
+41 44 215 40 36
marc.scheurer@zuerich.com

Mehr zu Visitor Economy

Ziel ist es, ein ganzheitliches Bild zu gewinnen: Wie erleben Einheimische, Gäste, Politik, Wirtschaft und Investor:innen den Tourismus in der Region? Welche Chancen sehen sie – und welche Herausforderungen? Die Erkenntnisse dienen als Basis für strategische Entscheidungen und glaubwürdige Kommunikation. Unterstützt werden kann eine solche Strategieentwicklung auch durch die Nachhaltigkeitsexpert:innen des STV-Netzwerks

Schritt-für-Schritt-Anleitung zum Download

Schritt

Was zu tun ist

Tipps aus Zürich

1. Zuhören organisieren

Durchführung von Interviews, Dialogformaten (siehe dazu Modul 3 der Toolbox) oder offenen Online-Befragungen mit verschiedenen Anspruchsgruppen (z. B. Bevölkerung, Gewerbe, Freizeitnutzer:innen, Gäste).

Vielfalt zählt: Zürich hat bewusst heterogene Perspektiven eingefangen – das schafft Tiefe.

2. Versand und Incentivierung planen

Überlegen, wie die Umfrage den Zielgruppen zugänglich gemacht wird und welche Anreize die Teilnahme fördern. Mögliche Wege: E-Mail-Versand, Postwurfsendung, QR-Codes in Gemeindeblättern oder Social-Media-Aufrufe oder direkte Ansprache über lokale Organisationen. Anreize können z. B. Gewinnspiele, kleine Gutscheine oder exklusive Informationsmaterialien sein, um die Teilnahmequote zu erhöhen.

Einfache Sprache, klare Einführungstexte und transparente Teilnahmebedingungen erhöhen die Rücklaufquote. Kleine Belohnungen oder Verlosungen fördern Motivation, ohne die Ergebnisse zu verzerren. 

3. Auswerten und bündeln

Qualitative und quantitative Ergebnisse zusammenfassen – nicht nur nach Fakten, sondern auch nach Stimmungen, Sorgen und Hoffnungen.

Auch «weiche Themen» wie Identität, Stolz oder Überforderung sichtbar machen.

4. Sichtbar machen und diskutieren

Ergebnisse offen kommunizieren: im Gemeindeblatt, an einem öffentlichen Forum oder durch eine kleine Ausstellung. Wichtig: Rückfragen zulassen.

  • Kurzbericht (1–2 Seiten) mit Kernergebnissen für die breite Öffentlichkeit. 

  • Fachbriefing für Politik und Fachstellen mit Handlungsempfehlungen. 

  • Follow-up-Kommunikation: FAQ, Massnahmenmatrix («Was passiert als Nächstes?»), Social-Media-Summaries. 

Zürich hat die Ergebnisse in einen städtischen Kongress eingebettet – so entstand echte Weiterentwicklung.

Erfolgsfaktoren bei der Anwendung

  • Nicht nur über Gäste reden – sondern mit allen Betroffenen

  • Raum für kritische Stimmen zulassen, ohne sich zu rechtfertigen

  • Nicht nur Meinungen sammeln, sondern weiterdenken: Was bedeutet das konkret für Strategie, Kommunikation und Produkte?



Kopenhagen: Tourismus gemäss des «All Inclusive»-Ansatzes ganzheitlich denken

Kopenhagen © Nick Karvounis

Mit der Strategie «Copenhagen, All Inclusive» (2024–2030) verfolgt Wonderful Copenhagen, die Tourismusorganisation von Kopenhagen, einen neuartigen, umfassenden Ansatz: Tourismus wird als gesellschaftliches Gesamtsystem verstanden, das tief in das Leben der Stadt eingreift – mit Chancen und Herausforderungen. Tourismus wird somit als Hebel für Klimaschutz, soziale Gerechtigkeit, interkulturelle Begegnung, urbane Lebensqualität, Innovationsförderung und regionale Entwicklung genutzt. 

Dazu wurde ein «Tourismus-Kompass» entwickelt, der sechs zentrale Wirkungsbereiche berücksichtigt – von Bildung über Gesundheit und Stadtentwicklung bis zur Umwelt. Alle Handlungsfelder werden dabei miteinander vernetzt betrachtet, um zielgerichtete, aber vernetzte Lösungen zu ermöglichen. Dabei hilft der organisationale Rahmen von Wonderful Copenhagen: Die Stiftung ist eng mit lokalen Organisationen sowie öffentlichen Einrichtungen verflochten und kann so zielgerichtet sein Netzwerk nutzen.

Das zentrale Learning: Tourismus ist kein isoliertes Thema, sondern ein vielschichtiges, vernetztes Phänomen – und braucht entsprechend ganzheitliche Antworten und die Einbindung aller Akteur:innen. 

Der Begriff «All Inclusive» wird in Kopenhagen bewusst neu interpretiert: Es geht nicht um Bequemlichkeit für Reisende – sondern um verantwortungsvolle Einbindung aller Perspektiven. Die Strategie versteht Tourismus nicht als Parallelwelt, sondern als Teil des urbanen Alltags – mit Auswirkungen auf Verkehr, Wohnraum, Arbeit, Umwelt, soziale Gerechtigkeit und kulturelles Miteinander. 

Dieser Denkansatz erlaubt es, Spannungsfelder früh zu erkennen – etwa zwischen Gästewachstum und Dichtestress – und Massnahmen abgestimmt zu steuern. Tourismussensibilisierung wird so nicht als Kampagne, sondern als Kulturaufgabe verstanden. 

Auch in der Schweiz wird Tourismus zunehmend als Teil komplexer Lebenswelten begriffen. Das gilt für grosse Städte ebenso wie für kleinere Berg- und Seeregionen – überall dort, wo Besuchende und Einheimische denselben Raum teilen. Die Grenzen zwischen Gast und Einheimischem, Freizeit und Alltag, Lebens- und Erlebnisraum verschwimmen, insbesondere in Hotspots und dicht besiedelten Regionen. 

Kopenhagen zeigt, wie ein strategischer Rahmen dabei helfen kann, Tourismus nicht als Einzelthema, sondern als systemisches Thema zu behandeln. Wer die Wechselwirkungen kennt – etwa zwischen Besucherzahlen und Wohnraumbedarf, Verkehr oder Preisniveaus – kann nachhaltiger steuern. Dafür braucht es keine grosse Strategieabteilung: Schon einfache Übersichten, lokale Dialoge und regelmässiger Austausch mit Gemeinden, Gewerbe und Bevölkerung können helfen, solche Zusammenhänge sichtbar zu machen. Gerade kleinere Schweizer Destinationen, deren DMOs eng mit Gemeinden und Politik verflochten sind, verfügen ähnlich wie Wonderful Copenhagen über kurze Wege und klare Zuständigkeiten. Dies erleichtert es, ganzheitlich zu denken und frühzeitig unterschiedliche Interessen zu bündeln.

Der Kopenhagen Tourismus Kompass ist kein starres Modell, sondern eine Denkhilfe, die auch für Schweizer Destinationen übertragbar und anpassbar ist. Viele Regionen können bereits mit einem reduzierten, vereinfachten Set an Themen starten – etwa nur mit Mobilität, Natur, Wohnen und Lebensqualität – und bei Bedarf später erweitern. 

Wonderful Copenhagen
Catharina Cecilie Aas, Head of Sustainability
woco@woco.dk
+45 23 38 30 54

Mehr zu Copenhagen, All inclusive


Tourismus nicht isoliert betrachten, sondern als Teil gesellschaftlicher Zusammenhänge auffassen: Welche Auswirkungen haben touristische Entwicklungen auf Wohnen, Verkehr, Umwelt, Zusammenleben oder Arbeit? Ziel ist es, eine ganzheitliche Sichtweise zu etablieren und dadurch überraschende Zusammenhänge sichtbar zu machen und bessere Lösungen zu finden.

Schritt-für-Schritt-Anleitung zum Download

Schritt

Was zu tun ist

Tipps aus Kopenhagen

1. Kategorien definieren

Identifiziert 4–6 relevante Themenfelder für eure Region (z. B. Mobilität, Lebensqualität, Umwelt, soziale Integration, Wirtschaft, Raumplanung).

Führt einen kurzen Workshop mit Vertreter:innen aus Tourismus, Gemeinde, Wirtschaft und Bevölkerung durch, um die Felder gemeinsam zu bestimmen. Kopenhagen nutzt bewusst interdisziplinäre Kategorien, nicht rein touristische.

2. Querverbindungen sichtbar machen

Stellt Zusammenhänge her: Wie beeinflusst z. B. Besucherlenkung den Wohnraum? Wie hängen Saisonspitzen mit Arbeitsbedingungen zusammen?

Erarbeitet die Zusammenhänge gemeinsam in einem Workshop und nutzt Visualisierungen, wie z.B. ein (digitales) Whiteboard zum Mapping.

3. Wirkungsfragen stellen

Formuliert pro Feld 1–2 Leitfragen wie: «Wie beeinflusst unser Tourismusangebot die Preisentwicklung im Ort?» oder «Wie viel kulturelle Begegnung entsteht wirklich?»

Leitfragen geben Tiefe. Ergänzt die Fragen durch Messideen oder Beobachtungspunkte – z. B. Datenquellen (Gästebefragungen) oder qualitative Beobachtungen (Gespräche, Fokusgruppen). 

4. Strategie oder Massnahmen abstimmen

Plant keine Einzelmassnahmen, sondern priorisiert vernetzte Lösungen, die in mehreren Bereichen wirken.

Legt ein kleines Koordinationsteam fest (z. B. Tourismus, Raumplanung, Nachhaltigkeit), das Synergien prüft. Beispiel: ÖV-Strategie, die zugleich Besucherlenkung, Klimaschutz und lokale Lebensqualität stärkt. 

5. Ergebnisse dokumentieren und kommunizieren 

Macht sichtbar, welche Zusammenhänge erkannt wurden – z. B. in einem Kurzbericht, einer Infografik oder als Input für Strategieprozesse. 

Die Ergebnisse können auch öffentlich präsentiert werden – das schafft Transparenz und lädt zur Mitgestaltung ein. 

Erfolgsfaktoren bei der Anwendung

  • Systemisches Denken fördern – nicht nur Symptome bekämpfen

  • Perspektivenvielfalt einbinden – Bevölkerung, Fachstellen, Wirtschaft

  • Wirkung sichtbar machen – qualitative und quantitative Indikatoren nutzen

  • Nachjustieren erlaubt – Kompass darf wachsen und sich mitlernen



Gstaad: Die relevanten Akteur:innen in den Strategieprozess einbinden

Gstaad hat mit seiner neuen Tourismusstrategie 2025+ einen breit abgestützten Strategieprozess durchlaufen, bei dem zahlreiche Akteur:innen aus der Region beteiligt waren – von der Landwirtschaft über Hotellerie, Gewerbe und Investor:innen bis hin zu lokalen Vereinen und Gemeinden. Ziel war es, nicht nur eine Vision für die touristische Entwicklung zu erarbeiten, sondern auch konkrete Massnahmen im Einklang mit der Lebensqualität der Bevölkerung und den regionalen Werten zu formulieren. 

Besonders bemerkenswert: In Gstaad wurden Entwicklungsfragen, Nutzungskonflikte und Tourismuspotenziale nicht losgelöst betrachtet, sondern als Teil eines integrierten Lebensraums gesehen. Der Schutz der alpinen Kultur, die Einbindung der Bevölkerung und der Fokus auf nachhaltige Erlebnisse ziehen sich wie ein roter Faden durch die Strategie. 

Gstaad zeigt beispielhaft, wie strategische Weichenstellungen gelingen, wenn Tourismus als Teil eines gemeinsamen Lebensraums gedacht wird und nicht als separates System. Anstatt nur tourismusinterne Perspektiven zu berücksichtigen hat Gstaad frühzeitig verschiedenste Stimmen aus der Region eingebunden: Bevölkerung, Landwirtschaft, Politik, Gewerbe und viele mehr.

Das Ergebnis ist eine Strategie, die auf regionaler Identität, gegenseitigem Respekt und langfristiger Lebensqualität aufbaut – nicht auf kurzfristiger Ertragsmaximierung. Gleichzeitig wird der Tourismus nicht abgewertet, sondern als gemeinschaftlich gestaltbarer Motor der Regionalentwicklung verstanden.

So wird deutlich: Breiter Einbezug ist nicht nur demokratisch – er ist strategisch klug. Er bringt Relevanz, Akzeptanz und Verbindlichkeit in den Prozess.

Viele Tourismusorte, ob gross oder klein – gerade im alpinen Raum – erleben einen Zielkonflikt zwischen Wertschöpfung, Gastfreundschaft und Lebensqualität. Gstaad zeigt, dass es möglich ist, diese Spannungen nicht nur zu moderieren, sondern in konstruktive Energie zu verwandeln – wenn alle mitreden dürfen. 

Was Gstaad besonders übertragbar macht: 

  • Die Bevölkerung wurde nicht nur informiert, sondern ernsthaft eingebunden 

  • Der Dialog wurde institutionalisiert – über den Destinationsrat 

  • Der Strategieprozess war kein fertiges Konzept, sondern ein Mitdenkraum 

Damit bietet Gstaad ein starkes Beispiel für Destinationen, die Tourismusstrategie als Gemeinschaftsprojekt verstehen – und Tourismussensibilisierung vorausschauend mitdenken. Ob kleine Destination oder grosse Stadt: Die Grundprinzipien – offener Dialog, gemeinsame Verantwortung und kontinuierliche Einbindung – lassen sich auf jede Grössenordnung übertragen. 

Gstaad Saanenland Tourismus
Patrick Bauer, Leiter Destinationsentwicklung & Nachhaltigkeit
patrick.bauer@gstaad.ch
+41 33 748 81 65

Mehr zur Tourismusstrategie Gstaad


Eine Strategie, die nicht nur auf dem Papier gut aussieht, sondern von der Region getragen wird: mitgedacht, mitdiskutiert und mitgestaltet. Ziel ist es, Tourismus als Teil des Lebensraums zu denken und so langfristig Akzeptanz, Lebensqualität und Wertschöpfung in Einklang zu bringen.

Schritt-für-Schritt-Anleitung zum Download

Schritt

Was zu tun ist

Tipps aus Gstaad

1. Relevante Gruppen identifizieren

Wer prägt den Lebensraum? Tourismusbetriebe, Landwirtschaft, Gemeinden, Vereine, Kultur, Zweitheimische, Jugend usw.

Gstaad hat bewusst auch «nicht-touristische» Stimmen eingeladen. Hierfür könnt ihr eine einfache Stakeholder-Landkarte mit Kreisen (z. B. nach Einfluss, Interesse, Nähe zum Tourismus) aufzeichnen. So werden Lücken sichtbar. 

2. Format für Mitsprache entwickeln

Regionale Hearings, Workshops, Onlinebeteiligung oder Dialogveranstaltungen – je nach Ressourcen und Grösse

Wichtig: Beteiligung nicht nur symbolisch, sondern mit echtem Einfluss gestalten. Solche Mitspracheformate können dabei auch zielführend durch neutrale Moderator:innen begleitet werden, beispielsweise durch eine der Nachhaltigkeitsexpert:innen des STV-Netzwerks. 

3. Gemeinsame Zielbilder erarbeiten

Wo wollen wir hin? Welche Werte und Lebensqualität soll der Tourismus sichern? Was sind sensible Themen? Welche touristischen Spannungsfelder beschäftigen unsere Bevölkerung?

Gstaad arbeitet mit Leitlinien, die auf regionalen Identitäten aufbauen.

4. Institutionalisierung prüfen

Gibt es ein Gremium oder eine Arbeitsgruppe, die das Ganze langfristig begleitet?

Gstaad hat mit dem Destinationsrat ein Format für Dialog geschaffen.

Erfolgsfaktoren bei der Anwendung

  • Nicht für die Region denken – sondern mit ihr

  • Vielfalt zulassen – nicht nur die lautesten Stimmen hören

  • Werte sichtbar machen – nicht nur Zahlen verfolgen

  • Beteiligung strukturieren – nicht dem Zufall überlassen

Tipps

  • extension

    Stakeholder früh einbinden

    Alle relevanten Akteur:innen bedenken – Bevölkerung, Unternehmen, Politik und Investor:innen – und von Anfang an aktiv in die Strategieentwicklung einbeziehen, um Perspektivenvielfalt und Akzeptanz zu sichern.

  • handshake

    Kooperationen gezielt fördern

    Vernetzungen zwischen DMOs, Betrieben und Institutionen stärken, um Synergien zu nutzen und Doppelarbeit zu vermeiden.

  • assessment

    Fakten als Basis

    Analysen, Umfragen, Marktdaten und Besucherstatistiken nutzen und um qualitative Perspektiven zu ergänzen, um fundierte Entscheidungen zu treffen und den Strategieprozess objektiv zu stützen.

  • auto_stories

    Gemeinsame Vision und Werte entwickeln

    Klare Leitbilder, strategische Ziele und Wertvorstellungen definieren, die von allen Partner:innen mitgetragen werden und als Orientierung für Entscheidungen dienen.

  • center_focus_strong

    Prioritäten klar setzen

    Schwerpunkte definieren, damit Ressourcen gezielt eingesetzt werden und strategische Ziele erreichbar bleiben.

  • public

    Nachhaltigkeit integrieren

    Ökologische, soziale und wirtschaftliche Aspekte bereits bei der Planung berücksichtigen, um langfristige Tragfähigkeit zu sichern.

  • change_circle

    Strategie iterativ gestalten

    Strategische Massnahmen regelmässig überprüfen und an neue Entwicklungen, Trends oder Erkenntnisse anpassen, um Flexibilität und Zukunftsfähigkeit zu gewährleisten.

  • chat_bubble_outline

    Transparente Kommunikation

    Ergebnisse, Zwischenschritte und Entscheidungsprozesse offen kommunizieren, um Vertrauen zu schaffen und Beteiligte kontinuierlich zu informieren.

Stolperfallen

  • extension

    «Ein Thema nach dem anderen, bitte.»

    Themen isoliert betrachten, ohne ihre Wechselwirkungen zu erkennen (z. B. Wohnraum, Mobilität, Lebensqualität), führt zu Symptombekämpfung und nicht zu nachhaltigen Lösungen.

  • diversity_1

    «Wir fragen später mal ein paar Leute.»

    Partizipation als nachträglicher Schritt wirkt unglaubwürdig. Wer früh einbindet, schafft echte Mitverantwortung.

  • zoom_out_map

    «Wir brauchen hier keine externen Perspektiven.»

    Wissenschaft, Forschung oder Beispiele anderer Destinationen auszublenden, nimmt wertvolle Impulse. Zürich, Gstaad und Kopenhagen zeigen, wie wertvoll externe Expertise sein kann.

  • sensor_door

    «Wir brauchen hier keine externen Perspektiven.»

    Wissenschaft, Forschung oder Beispiele anderer Destinationen auszublenden, nimmt wertvolle Impulse – Zürich, Gstaad und Kopenhagen zeigen, wie wertvoll externe Expertise sein kann. 

  • theater_comedy

    «Unangenehme Themen aussparen.»

    Wer Konflikte oder sensible Fragen (z. B. Verkehr, Wohnraum, Overtourism) meidet, verliert Glaubwürdigkeit. Offener Umgang schafft Vertrauen und echte Lösungen.

  • sports_score

    «Jetzt ist die Strategie fertig – endlich Ruhe!»

    Strategie als Endpunkt verstehen, statt als Startpunkt für laufende Weiterentwicklung, verhindert Dynamik und verliert Menschen unterwegs.

Übersicht Module

  • volunteer_activism

    Modul 2 – Übersicht gewinnen: Wie identifiziere ich Herausforderungen meiner Destination?

  • handshake

    Modul 3 – Stakeholdermanagement gestalten: Wie binde ich die wichtigsten Ansprechgruppen aktiv ein?

  • interests

    Modul 4 – Tourismusnutzen steigern: Wie erhöhe ich den Mehrwert für alle Ansprechgruppen?

  • groups

    Modul 5 – Gästebeteiligung stärken: Wie mache ich Gäste zu Mitgestaltenden?

  • search

    Modul 6 – Kommunikation meistern: Wie gehe ich sicher mit klassischen Medien, Social Media und Politik um?

  • visibility

    Ausblick

    Zum Modul

Die Inhalte der Toolbox werden fortlaufend bis Frühling 2026 ausgearbeitet und veröffentlicht.

Porträtfoto von Romy Bacher

Ihre Ansprechperson

Romy Bacher