Tourismuspolitik
Ohne Fachkräfte steht der Tourismus still
Am 14. Juni 2026 stimmt die Schweizer Stimmbevölkerung über die «Keine 10-Millionen-Schweiz»-Initiative ab. Was von den Initianten als Nachhaltigkeitsinitiative bezeichnet wird, ist in Wirklichkeit ein wirtschaftspolitisches Hochrisiko-Projekt. Die Initiative verlangt die Kündigung des Freizügigkeitsabkommens und löst damit eine Kettenreaktion aus. Für den Tourismussektor bedeutet dies vor allem: Planungsunsicherheit, Einschränkungen im Angebot und letztlich ein grosser Verlust an Wettbewerbsfähigkeit. Gerade für tourismusintensive Regionen wie das Wallis steht dabei sehr viel auf dem Spiel.
Dieser Gastbeitrag wurde am 20. Mai 2026 in der Tribune économique, dem Magazin der Gewerbekammer Wallis, veröffentlicht.
Fachkräftemangel belastet Angebot und Qualität des Tourismus
Der Tourismus ist ein personalintensiver Sektor. Gleichzeitig stammen rund 30 Prozent der Beschäftigten im Gastgewerbe aus dem EU/EFTA-Raum und zwei von drei Betrieben sind auf diese Arbeitskräfte angewiesen. In alpinen Destinationen und insbesondere im saisonalen Geschäft liegt der Anteil teilweise deutlich höher. Ohne Freizügigkeitsabkommen fällt diese Rekrutierungsbasis weg – und der bereits akute Fachkräftemangel verschärft sich massiv.
Für viele Betriebe hätte dies spürbare Konsequenzen: Offene Stellen bleiben länger unbesetzt, saisonale Spitzen können nicht mehr bewältigt werden, und der administrative Aufwand bei der Rekrutierung steigt. Die Folge sind reduzierte Angebote, angepasste Öffnungszeiten und steigende Preise, was insgesamt zu einem schlechteren Gästeerlebnis und weniger Wertschöpfung führt.
Kettenreaktion mit negativen Auswirkungen auf die Nachfrage
Die Auswirkungen gehen jedoch weit über den Arbeitsmarkt hinaus. Das Freizügigkeitsabkommen ist Teil der Bilateralen I. Wird es gekündigt, fallen durch die Guillotine-Klausel auch die anderen Abkommen der Bilateralen I weg. Für den Tourismus besonders relevant sind dabei die Verkehrsabkommen. Sie sichern die internationale Erreichbarkeit der Schweiz – über den Land- und Luftweg. Verschlechtert sich die Anbindung des Tourismusstandorts Schweiz, sinkt die Nachfrage im Tourismus direkt.
Gleichzeitig drohen neue Hürden für internationale Gäste aus Drittstaaten. Denn ohne Freizügigkeitsabkommen fällt die Schweiz auch aus dem Schengen-Raum und wird zur Visumsinsel mitten in Europa. Gäste aus den Fernmärkten müssten auf ihr Europa-Reise für die Schweiz ein separates Visum beantragen und weichen vermehrt auf andere Destinationen aus. Mit fatalen Folgen gerade in den Zwischen- und Nebensaisons, wenn dieses Gästesegment für die Nachfrage sorgt.
Hinzu kommen gesamtwirtschaftliche Effekte: Ohne Bilaterale Abkommen wird das Wirtschaftswachstum geschwächt, was zu sinkender Kaufkraft von Schweizerinnen und Schweizern führt. Es belastet damit auch die Binnennachfrage. Der Tourismus gerät damit von mehreren Seiten unter Druck – beim Angebot wie bei der Nachfrage.
Tourismusintensive Regionen wie das Wallis besonders stark betroffen
Kaum eine Region wäre so stark betroffen wie das Wallis. Der Tourismus generiert hier über 8 Prozent Prozent der gesamten Wertschöpfung – in einzelnen Seitentälern und Destinationen liegt dieser Anteil weit darüber. Zudem hängen rund 15‘000 Arbeitsplätze im Kanton direkt oder indirekt vom Tourismus ab. Diese Zahlen verdeutlichen: Der Tourismus ist im Wallis nicht nur ein Wirtschaftszweig, sondern das wirtschaftliche Rückgrat.
Entsprechend stark sind auch die Verflechtungen mit dem lokalen Gewerbe: Bauunternehmen, Zulieferer, Detailhandel oder Dienstleister sind direkt von einem funktionierenden Tourismus abhängig. Investitionen in Bergbahnen, Hotels oder Infrastrukturen sind langfristig und kapitalintensiv. Durch die Planungsunsicherheit für die touristischen Betriebe wird die Initiative auch zu einem Investitionshemmnis – mit direkten Folgen für das lokale Gewerbe, die Beschäftigung im Kanton und die regionale Entwicklung.
Tourismussektor engagiert sich entschieden gegen die Initiative
Die Initiative greift reale Herausforderungen auf. Doch sie bietet keine tragfähigen Lösungen. Stattdessen schafft sie neue Unsicherheiten und gefährdet zentrale wirtschaftliche Strukturen. Deshalb engagieren sich die Verbände und Organisationen des Tourismussektors gegen die Vorlage. Unter dem Dach des Schweizer Tourismus-Verbands wurde eine gemeinsame Kampagne lanciert, um die konkreten Auswirkungen aufzuzeigen – für Betriebe, Mitarbeitende und Regionen.
Die Botschaft ist klar: Ohne Fachkräfte steht der Tourismus still. Und ohne Tourismus gerät in Regionen wie dem Wallis auch das Gewerbe unter Druck. Ein Nein am 14. Juni ist deshalb mehr als ein tourismuspolitisches Signal. Es ist ein Entscheid für stabile Rahmenbedingungen, funktionierende wirtschaftliche Verflechtungen und eine starke regionale Wirtschaft.
Kontakt
Samuel Huber
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