Tourismuspolitik
Fachkräfte im Tourismus: «Ohne sie wird es sehr schnell eng»
Wer über die Zukunft des Schweizer Tourismus spricht, spricht früher oder später über Menschen. Über Köchinnen, Rezeptionisten, Servicefachpersonen, Sommeliers oder Mitarbeitende, die im Hintergrund dafür sorgen, dass ein Aufenthalt funktioniert. Die Gegnerder Chaos-Initiative warnen davor, dass ein eingeschränkter Zugang zu Fachkräften den Tourismussektor direkt treffen würde – bei Angebot, Qualität und Erreichbarkeit. Wir haben mit Magdalena Glausen, Leiterin Politik bei HotellerieSuisse und Dimitri Rosset, Fachspezialist Politik und Wirtschaft bei GastroSuisse über die Thematik gesprochen.
Im Gespräch mit HotellerieSuisse und GastroSuisse ergibt sich ein klares Bild: Der Schweizer Tourismussektor braucht Fachkräfte aus dem EU- und EFTA-Raum nicht als Ergänzung, sondern als tragende Stütze. Werden Rekrutierung und Mobilität erschwert, trifft das die Betriebe direkt – und mit ihnen auch Angebot, Qualität und Gästeerlebnis. Und genau deshalb ist diese Debatte für den Tourismussektor so zentral.
Fachkräfte sind für den Tourismussektor zentral. Wie wichtig sind Mitarbeitende aus dem EU- und EFTA-Raum?
Rosset: Sehr wichtig. Zwei von drei Betrieben beschäftigen Personal aus Europa. Und für 40 Prozent dieser Betriebe macht diese Belegschaft sogar die Mehrheit aus. Insgesamt ist fast die Hälfte der Mitarbeitenden in unserer Branche ausländisch. Ohne sie könnten viele Restaurants und Hotels gar nicht mehr öffnen.
Glausen: Das sehe ich genauso. Die Hotellerie und das Gastgewerbe leben von Menschen. Service, Gastfreundschaft und Qualität lassen sich kaum automatisieren. Wenn Fachkräfte fehlen, hat das einen direkten Einfluss auf Angebot und Qualität. Wie bereits erwähnt, stammen viele unserer Mitarbeitenden aus dem EU- und EFTA-Raum. Ohne diese Mitarbeitenden würde sich der Fachkräftemangel massiv verschärfen.
Das heisst: Bei den Fachkräften aus dem EU- und EFTA-Raum handelt es sich um einen tragenden Teil des Systems. Was wären die konkreten Folgen, wenn der Zugang zu diesen Fachkräften eingeschränkt würde?
Glausen: Die Rekrutierung würde deutlich schwieriger. Offene Stellen liessen sich vielerorts nicht mehr im nötigen Umfang besetzen. Das hätte Folgen für das Angebot: reduzierte Öffnungszeiten, kleinere Karten, weniger innovative Angebote. Gleichzeitig würde auch die Servicequalität leiden und die Wettbewerbsfähigkeit sinken. Hinzu kommt: Der Wegfall der Personenfreizügigkeit hätte auch Auswirkungen auf Schengen. Reisen würden komplizierter, Wartezeiten länger, und einzelne Reisen könnten sogar verunmöglicht werden.
Rosset: Der Personalmangel würde den Druck auf die Betriebe massiv erhöhen. Die Lohnkosten sind heute schon hoch und würden weiter steigen. Das könnte zu Betriebsschliessungen, eingeschränkten Öffnungszeiten und höheren Preisen für Gäste führen. Was heute eine angespannte Lage ist, könnte dann zu einer strukturellen Krise werden.
Sie setzen also unterschiedliche Akzente, beschreiben aber dieselben Konsequenzen: weniger Personal, weniger Angebot, mehr Druck. Das trifft am Ende nicht nur die Betriebe, sondern auch die Gäste.
Oft wird über Personenfreizügigkeit abstrakt diskutiert. Wie sieht die Rekrutierung in der Praxis aus?
Glausen: Heute ist die Anstellung von Fachkräften aus der EU und EFTA vergleichsweise unkompliziert. Für kurzfristige Einsätze bis zu 90 Tagen gibt es ein standardisiertes Online-Meldeverfahren. Bei längeren Anstellungen braucht es zwar eine Bewilligung, aber dank der Personenfreizügigkeit läuft das in der Regel rasch und kostengünstig. Im Vergleich zu Drittstaaten ist der Aufwand deutlich geringer.
Rosset: Auch aus unserer Sicht ist das entscheidend. Natürlich müssen offene Stellen zuerst beim RAV gemeldet werden. Aber danach macht die Personenfreizügigkeit den Unterschied: keine Kontingente, keine komplizierten Vorab-Bewilligungen. Eine Fachkraft aus der EU kann innert weniger Tage anfangen. Ohne diese Regelung wären die Verfahren lang, teuer und für saisonal bedingte Stellen kaum praktikabel.
Gerade für den Tourismussektor zählt also nicht nur, dass Fachkräfte kommen können, sondern auch, wie schnell und unkompliziert das möglich ist. Flexibilität ist ein zentraler Punkt. Ein Argument, das dem häufig entgegengesetzt wird, lautet: Im Gastgewerbe ist die Arbeitslosenquote hoch. Warum also gleichzeitig Fachkräftemangel?
Rosset: Unsere Branche verlangt Flexibilität, Wochenend- und Feiertagseinsätze, Mobilität und den Umgang mit Saisonalität. Diese Bedingungen passen oft nicht zu den Profilen lokaler Stellensuchender. Gleichzeitig altert die Bevölkerung. Das inländische Arbeitskräftepotenzial reicht strukturell immer weniger aus, um den Bedarf einer personalintensiven Branche zu decken.
Glausen: Dazu kommt, dass es einen Mismatch gibt. Viele Stellensuchende bringen nicht die gesuchten Qualifikationen mit oder haben Vorstellungen zu Arbeitszeiten und Lohn, die im Gastgewerbe schwer erfüllbar sind. Dazu kommen saisonale Schwankungen, die Abwanderung nach der Pandemie und veränderte Erwartungen jüngerer Generationen an Arbeit und Entwicklungsmöglichkeiten.
Der Fachkräftemangel ist also nicht nur ein kurzfristiges Problem, sondern auch Ausdruck struktureller Entwicklungen. Deshalb braucht es mehrere Lösungen gleichzeitig. Welche konkreten Massnahmen ergreifendie Verbände selbst, um Fachkräfte zu gewinnen?
Rosset: GastroSuisse investiert stark in die Ausbildung: Lehrstellen, Umschulungen und die Aufwertung der Berufe im Gastgewerbe. Die Betriebe leisten zudem einen wichtigen Beitrag zur Integration. Aber auch aus unserer Sicht können diese Anstrengungen die Personenfreizügigkeit nicht ersetzen. Für den unmittelbaren Bedarf des Arbeitsmarkts bleibt sie unersetzlich.
Glausen: HotellerieSuisse investiert ebenfalls in die Nachwuchsförderung: praxisnahe Ausbildungsangebote, Rekrutierungsleitfäden, Quereinsteiger-Programme, NextGen-Initiativen, Berufsmarketing und Beratung für Lehrbetriebe. Gleichzeitig engagiert sich der Verband als Sozialpartner des L-GAV für faire und attraktive Arbeitsbedingungen. Aber man muss ehrlich sein: Nachwuchsförderung ist kein Hebel, der den Fachkräftemangel von heute auf morgen löst. Deshalb braucht es auch stabile Beziehungen zur EU und weitere Wege, um Fachkräfte zu gewinnen.
Dieser Beitrag ist im Rahmen einer Content-Serie für den Newsletter Tourismuspolitik zum Thema Europapolitik entstanden.
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