Tourismuspolitik
Aktuelle Entwicklungen im touristischen Verkehr - der VöV im Interview
Der Verband öffentlicher Verkehr (VöV) ist Kernmitglied des Schweizer Tourismus-Verbands (STV). Im Interview spricht VöV-Mediensprecher Michael Schallschmidt über die Bedeutung des öffentlichen Verkehrs für den Tourismus, die aktuellen Herausforderungen sowie die politischen Entwicklungen, die für den Sektor von Bedeutung sind.

Der VöV ist im Vorstand und im Ausschuss des STV vertreten. Weshalb ist die Zusammenarbeit zwischen öffentlichem Verkehr und Tourismus so wichtig?
Touristische Destinationen sind auf einen leistungsstarken öV angewiesen, um Zielorte überhaupt zugänglich und wirtschaftlich nutzbar zu machen. Der öV wiederum erreicht sein Ziel, den eigenen Anteil am Modalsplit, also am gesamten Verkehrsaufkommen, zu steigern, indem er einen möglichst grossen Teil des Freizeit- und Tourismusverkehrs aufnimmt: Stand 2025 wird ein Viertel des touristischen Verkehrs mit dem öV zurückgelegt. Da besteht noch Luft nach oben. Darüber hinaus bildet die Reise stets einen Teil des Ferienerlebnisses. In manchen Fällen ist der öV sogar gleichzeitig die Attraktion, beispielsweise bei Angeboten wie dem Golden Pass oder dem Glacier Express.
Der VöV forderte bereits 2021 in einem Positionspapier, den touristischen Verkehr besser zu erfassen und in der Verkehrspolitik stärker zu berücksichtigen. Tourismus- und Freizeitverkehr machen zusammen die Hälfte des gesamten Personenverkehrs aus. Wird die Bedeutung des touristischen Verkehrs heute ausreichend berücksichtigt?
Die Politik nimmt die Bedeutung und den Stellenwert des touristischen Verkehrs zunehmend wahr. Relevant ist dies, weil der Regionale Personenverkehr – und somit auch der grösste Teil der Erschliessung von Tourismusorten und Ausflugszielen – nicht komplett kostendeckend ist. Damit ist er auf finanzielle Unterstützung der öffentlichen Hand, in der Form von sogenannten Abgeltungen, angewiesen. Im Gegensatz zu anderen öV-Angeboten profitieren mehrheitlich touristisch genutzte Strecken in vielen Fällen jedoch nicht von diesen Abgeltungen des Bundes. Es gibt aber nun auch Angebote, die von der öffentlichen Hand unterstützt werden, wie etwa den Randenbus in Schaffhausen oder die PostAuto-Linie über den Schallenberg, welche die sogenannte «letzte Meile» erschliessen und direkt in die touristischen Ziele fahren – das Potenzial ist jedoch noch nicht ausgeschöpft.
Im Positionspapier wurden auch verschiedene Handlungsfelder identifiziert. Wo wurden seither Fortschritte erzielt und wo besteht weiterhin der grösste Handlungsbedarf?
Die Transportunternehmen erkennen die Bedeutung des Tourismus- und Freizeitverkehrs und schaffen laufend neue Angebote, vor allem im Bereich Direktverbindungen. Beispielsweise bieten die SBB gemeinsam mit der Deutschen Bahn zusätzliche Direktzüge an – jüngstes Beispiel ist die Direktverbindung Berlin-Brig. Im inländischen Freizeitverkehr setzt die BLS auf Direktverbindungen, etwa den Wanderzug Biel-Brig. Dieser spart Reisenden rund 20 Minuten Fahrzeit und das Umsteigen, um ins Berner Oberland und Wallis zu gelangen. Potenzial besteht beispielsweise noch bei den Umsteigebeziehungen zwischen Verkehrsmitteln.

Was sind neben diesen Anschlüssen zwischen unterschiedlichen Verkehrsmitteln die wichtigsten Hebel, damit künftig noch mehr Gäste für die Anreise und die Mobilität innerhalb der Schweiz den öffentlichen Verkehr wählen?
Eine durchgängige Mobilität zu touristischen Zielen bildet eine wichtige Grundlage für eine reibungslose Reise. Daher ist es wichtig, in der Raumplanung die Voraussetzungen dafür zu schaffen, Verkehr und touristische Angebote gut miteinander zu verknüpfen. Auch die Förderung innovativer Ansätze oder etwa die erwähnte Möglichkeit, Verbindungen zu Ausflugszielen durch den Bund finanziell zu unterstützen, bilden einen wichtigen Hebel, um den öV-Anteil am touristischen Verkehr zu steigern.
Welche politischen Geschäfte oder verkehrspolitischen Entwicklungen werden den touristischen Verkehr in den kommenden Jahren besonders prägen?
Eine wichtige Rolle für den Tourismus- sowie Freizeitverkehr spielt auch in Zukunft der Regionale Personenverkehr (RPV), insbesondere dessen Finanzierung durch den Bund. Denn der touristische Verkehr spielt sich zu einem grossen Teil im ländlichen Raum ab. Wir begrüssen mitunter deshalb den letztjährigen Entscheid des Parlaments, den RPV-Kredit für die Jahre 2026 bis 2028 um 160 Millionen Franken erhöht zu haben. Weiter spielt das Programm «Verkehr ’45» zur Weiterentwicklung der Verkehrsinfrastruktur in den kommenden Jahren auch für den Freizeitverkehr eine wichtige Rolle: Obschon oft die Rede von Hauptverkehrsachsen und -knoten ist, lässt sich in diesem Rahmen das öV-Angebot im ländlichen Raum erheblich verbessern.
Dieses Interview ist im Rahmen einer Content-Serie für den Newsletter Tourismuspolitik zum Thema touristischer Verkehr entstanden.
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