Damit der Gast weiss, wofür eine Feriendestination steht

WALLISER BOTE | FRANCO ARNOLD

Grächen ist eine der wenigen Walliser Tourismusdestinationen, in denen
die Zahl der Hotel-Logiernächte 2012 angestiegen ist. Zufall oder Produkt klarer Positionierung?

Seit 2008 sinken die Übernachtungszahlen in der Walliser Hotellerie unablässig. Der Trend konnte zwar im vergangenen Jahr etwas abgefedert werden, doch wurde er nicht aufgehalten.
Eine der wenigen positiven Ausnahmen bildete Grächen. Die Zahl der Hotel-Logiernächte stieg zwischen 2011 und 2012 um 14 Prozent – einsamer Spitzenwert im Kanton.

Klare Positionierung seit mehreren Jahren

Damit liegt man irgendwo zwischen den Werten von 2009 und 2010. Zudem verzeichneten die Grächner Hotels beinahe einen Viertel mehr Gästeankünfte. Die Gründe für diese Zunahme sind vielschichtig. «Die Euro-Aktion mit eigenem Währungskurs hat uns viel Werbung, die Raiffeisen-Aktion viele Logiernächte gebracht», weiss Berno Stoffel, CEO der Grächen AG. Als weitere Gründe nennt er die starke Präsenz der Grächner Hotels auf Online-Plattformen und die konsequente Positionierung der Destination.

In den Achtzigerjahren war Grächen/St. Niklaus eine führende Familiendestination, die in den Neunzigern jedoch an Profil einbüsste. «Eine konsequente Fokussierung auf die Familien verfolgt Grächen/St. Niklaus erneut seit sechs Jahren und knüpft damit an eine bereits bestehende Tradition an», erläutert Stoffel die Strategie der Destination.

Qualität vor Quantität

Für Stoffel ist eine klare Positionierung im Tourismus unabdingbar: «Der Gast weiss
dann, wofür ein Ferienort steht, und erhält die gewünschte Dienstleistung auch in der entsprechenden Qualität.» Dass dadurch ein anderes Kundensegment verloren gehen
kann, erachtet er nicht als gravierend: «Eine konsequente Positionierung hat die Chance,
dass man im gewünschten Segment neue Kunden gewinnt. Wenn man für möglichst alle
Kundensegmente ein Produkt anbieten will, läuft man Gefahr, dass man die Qualität
nicht bringt.»

22 Millionen investiert

So glaubt er, dass ein klareres, eigenständiges Profil für einzelne Destinationen sowie für
das Wallis gewinnbringend wäre. Das Wallis habe «so viele unterschiedliche, hervorragende,
natürliche und kulturelle Perlen», worin enormes touristisches Potenzial schlummert.
Eine Kopie vom Nachbarn sei deswegen nicht nötig, wenn man sich auf die eigenen Stärken
konzentriere. Um eine solche Positionierung zu erreichen, darf man jedoch nicht die
notwendigen Mittel scheuen. «Grächen hat in den letzten fünf Jahren 22 Millionen Franken
investiert, um das Produkt wieder marktgerecht zu machen», erläutert Stoffel. Die Investitionen flossen in Bergbahnen, Beschneiung, Pistenfahrzeuge, Gastronomie und Kinderpärke.

Die Destination Grächen/St. Niklaus setzt also voll auf die 3-Generationen-Familie. Dieser wird eine Märchengondelbahn, mindestens einmal täglich ein Animationsprogramm oder ein 50000 Quadratmeter grosser Familienpark zur Verfügung gestellt. «Zudem versuchen wir, uns als
Unternehmung weiterzuentwickeln und den Umgang mit Familien und Kindern noch zu verbessern.»

Keine Patentlösung

Die Grächner Strategie scheint also erste Früchte zu tragen, dennoch gingen die Übernachtungen
in der Parahotellerie zurück. Mit der Ferienwohnungsinitiative 2012–2014, die eine Klassifizierung aller Wohnungen vorsieht, will man Gegensteuer geben. Die allgemeinen Aussichten für 2013 sind nicht rosig. «Die Trends zeigen eine stagnierende Situation», so Berno Stoffel.

«Positionieren heisst Differenzieren », kann man ein Zitat Stoffels im Internet nachlesen.
Grächen hebt sich mit dieser Strategie tatsächlich ab und ist eines der wenigen positiven
Beispiele in Bezug auf die Anzahl Logiernächte. Dennoch muss Grächen/St. Niklaus auch in Zukunft diese Unterschiede hervorheben. Man müsse flexibel sein und die Bedürfnisse der Gäste antizipieren, sagt Stoffel abschliessend. Patentlösungen existieren nicht, doch scheint
der Grächner Ansatz zukunftsweisender als punktuelle und teils unkoordinierte Investitionen.