Tourismusumfrage: Es droht eine Konkurswelle

Massive Umsatzverluste und schweizweit ungewöhnlich niedrige Auslastungen: Dies steht der Tourismusindustrie laut einer aktuellen Branchenumfrage bevor. Die Konkurswahrscheinlichkeit bleibt mit 23 Prozent hoch und Notkredite vermögen die Liquidität nur kurzfristig zu sichern. Es drohen Schliessungen von 3’200 Betrieben und der Verlust von über 30'000 Arbeitsplätzen. Die Branche fordert deshalb von Bundesrat und Parlament weitere Massnahmen.

Unter dem Dach des Schweizer Tourismus-Verbands haben HotellerieSuisse, GastroSuisse, Seilbahnen Schweiz und der Verband Schweizer Tourismusmanager in Zusammenarbeit mit Schweiz Tourismus und dem Institut Tourismus der Fachhochschule Westschweiz Wallis (HES-SO Valais-Wallis) vom 20. bis 23. April 2020 die Tourismusbranche zu ihrer aktuellen Lage befragt. Rund 3'500 Unternehmen haben an der Umfrage teilgenommen. Die Resultate sind alarmierend. So rechnet die Hotellerie im Mai mit einer Auslastung von rund 9 Prozent. Im Juni, Juli und August sind die erwarteten Auslastungen nur unwesentlich höher (20 - 24 Prozent). 75 Prozent der Buchungen für Mai und Juni wurden bereits storniert. Dementsprechend entwickeln sich die Umsätze. Eine neue Hochrechnung der HES-SO prognostiziert allein für die Monate März bis Juni für den Tourismus Verluste von 8,7 Milliarden Franken.

Bisherige Unterstützung hilft nur begrenzt
Kurzarbeit wird von den bestehenden Unterstützungsangeboten des Bundes am häufigsten genutzt. So nutzten 79 Prozent der Befragten dieses Instrument. Bei Seilbahnen, Gastronomie und Hotellerie betrug der Anteil sogar rund 90 Prozent. Im Gegensatz dazu fällt auf, dass nur 41 Prozent der Umfrageteilnehmer Notkredite beantragten, wobei Gastronomie (49 Prozent) und Hotellerie (45 Prozent) etwas mehr davon Gebrauch machten. «Viele KMUs fürchten steigende Verschuldungen und Zinskosten, weshalb Notkredite nicht vollumfänglich genutzt werden», sagt Casimir Platzer, Präsident von GastroSuisse. So geben 64 Prozent der Betriebe mit Notkrediten an, die Fixkosten nur noch bis Ende Juni decken zu können, während bis zu diesem Zeitpunkt bei allen Befragten im Gastgewerbe der Verschuldungsgrad von 24 Prozent auf 38 Prozent steigt. In manchen Regionen ist der Verschuldungsgrad in der Hotellerie auf rund 50 Prozent angestiegen. Die Tourismusbranche fordert deshalb, dass einfache Covid-19-Kredite für die gesamte Laufzeit zinsfrei vergeben werden, um Liquiditätsengpässen wirtschaftlich gesunder Betriebe entgegenzuwirken. Zudem sollte das Parlament im ordentlichen Verfahren einen Rückzahlungserlass dieser Kredite in Härtefällen möglich machen.

Politik kann drohende Konkurswelle abwenden
Als Folge der verschärften Liquiditätsengpässe ab Ende Juni und teils massiven Schuldenzunahmen bleiben die Konkursrisiken beträchtlich. Schweizweit schätzen knapp 23 Prozent der Befragten die Konkurswahrscheinlichkeit als hoch ein, regional gesehen sind vor allem Betriebe in der Westschweiz, Tessin und Basel Region betroffen. Über 30’000 Arbeitsplätze sind somit derzeit in Gefahr. Besonders in der Hotellerie und Gastronomie ist die Lage angespannt. Deshalb fordern die touristischen Verbände von der Politik im Rahmen eines Konjunkturprogramms eine Ausweitung der finanziellen Unterstützungsmassnahmen. Ein solches Paket könnte beispielsweise nach dem Vorbild von Deutschland eine Anpassung der Mehrwertsteuer in der Gastronomie beinhalten. «Wettbewerbsfähige und gesunde Betriebe brauchen Perspektiven für die Zeit nach Corona», sagt Andreas Züllig, Präsident von HotellerieSuisse.

Konkrete Planung vorerst nur für Restaurants möglich
Der Wunsch nach Klarheit und Planungssicherheit, den die Tourismusbranche in einem offenen Brief an Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga sowie im Rahmen des Tourismusgipfels vom 26. April platziert hat, ist diese Woche nur teilweise erhört worden. Restaurants dürfen ab dem 11. Mai wieder Gäste empfangen. Unklar bleibt die Planungssicherheit für andere touristische Bereiche. Diese braucht es jetzt dringend. «Nur so kann ein Kollaps der Tourismusbranche im Sommer verhindert werden. Die Bevölkerung soll ihre Ferien im eigenen Land jetzt planen und das gesamte touristische Angebot nutzen können», sagt Nicolo Paganini, Präsident des Schweizer Tourismus-Verbands und ergänzt: «Die Gesundheit von Gästen und Mitarbeitenden hat dabei höchste Priorität.»

Impulsprogramm zur Nachfrageförderung nötig
Mit der Öffnung ist ein Impulsprogramm zur Nachfrageförderung durch den Bund unausweichlich, denn die Gäste sind angesichts der vielen offenen Fragen verunsichert und haben noch wenig Lust auf Ferienplanung. Auf diesen psychologischen Effekt muss die Branche – sobald es die Gesundheit zulässt – eingehen und potenziellen Gästen aus dem In- und Ausland die sicheren Erholungsmöglichkeiten hierzulande aufzeigen. Hans Wicki, Präsident von Seilbahnen Schweiz sagt: «Das Impulsprogramm ist nötig, damit die Menschen sich nach dieser angespannten Zeit wieder getrauen, Ferien zu buchen und Lust auf Ferien in der Schweiz bekommen.» Gleichzeitig müssen die ausländischen Märkte wegen der langen Vorlaufzeit von bis zu sechs Monaten vor dem Reisetermin schon bald wieder bearbeitet werden, wird doch der internationale Wettbewerb um Gäste massiv zunehmen. So werden indirekt Arbeitsplätze gesichert.

Auskunftspersonen für telefonische Interviews:

Nicolo Paganini, Präsident Schweizer Tourismus-Verband, Tel. +41 79 605 19 43
Andreas Züllig, Präsident HotellerieSuisse, Tel. +41 31 370 41 40
Casimir Platzer, GastroSuisse, Präsident, Tel. +41 44 377 53 53
Hans Wicki, Präsident Seilbahnen Schweiz, Tel. +41 79 632 72 48
Leonie Liesch, Präsidentin Verband Schweizer Tourismusmanager, Tel. +41 78 742 74 87